Freitag, 5. Oktober 2007

Out of my life, Out of my mind...

"Sieht nicht gut aus!" meint der Deutsche Verstaendiger im Klinikum. "Wie sie sehen, haben sie eine massive Fraktur des Humerus erlitten." Er zeigt mir einen Haufen weiser Splitter auf dem Roentgenbild, die einmal mein rechter Ellenbogen gewesen sein sollen. Auf die Frage, wie lange die Heilung dauern wird bekommen ich eine viel zu lange Zeitspanne von 6-8 Monaten mitgeteilt. Ok, der 180° die 8 Stufen runter war vielleicht mit etwas zu viel Idealismus behaftet und die Entscheidung nach halber Drehung vom Rad abzusteigen auch nicht unbedingt intelligent, aber 6-8 Monate und die Aussicht darauf, meinen Arm nie wieder gescheit bewegen zu koennen sind einfach zu hart! Genau in diesem Moment habe ich mich gefragt, warum Gott gerade mir so etwas zumuten muss!
Ploetzlich reisst mich das nervige Klingeln meines Billig-Weckers aus dem Schlaf. Eine Nacht ist immer dann zu kurz, wenn dich eine andere Uhr als deine biologische weckt, und mit diesem Gedanken schaele ich mich, und so kommt es mir vor, aus der Geborgenheit eines Mutterleibs und mache mich, nicht ohne nochmal auf Kathis Baeren zu sabbern, muede auf den Weg ins Bad. Ein kurzer Blick in den Spiegel teilt mir mit, dass mein 18 Tage-Bart mittlerweile verdammt scheisse aussieht, aber als ich ans Rasieren denke kommt auf einmal ein Gefuehl in mir hoch, dass ich in dieser Intensitaet nur aus den 5 Minutenpausen vor Geschichte kenne: Null Bock! Aber da mich Gott mit einem freien Willen gesegnet hat und auch sonst keine Rendevouz anstehen, verschiebe ich die Sache mit einem, nicht ganz ehrlich gemeinten "Morgen kannst du das immer noch machen". Als ich mich entkleide streift mein Blick die Toilette und eine Vorfreude wie an Weihnachten durchzuckt mein noch schlaftrunkenes Gehirn. Aber angesichts des ziemlich kleinen Zeitfensters von maximal 10 Minuten, das wenig Raum fuer Gemuetlichkeiten laesst, beherzige ich Benis Lieblingsspruch "Der Morgenschiss kommt ganz gewiss und wenn es erst am abend is!" und vertage auch diese Sache erst mal.
Frisch geduscht geht es dann in die verschwitzen Arbeitsklamotten von gestern und mit denen dann zum Fruehstueck. Heizungen sind in Brasilien Luxusware und infolgedessen ist es am Fruehstueck noch ziemlich kalt, was mich dazu zwingt mit meiner Jackwolfskin Jacke zu posen. An dieser Stelle mal ein Lob an meine Intelligenz, die es mir ermoeglichte das Abi ohne grosen Aufwand zu bestehen, was dann wiederum meine Eltern dazu veranlasste mir eben diese Jacke zu kaufen. Wie jeden morgen gibt es auch heuten wieder selbst gemachte Erbeermarmelade zu unglaublich suesem Kaffe. Aber da mir Kaffe noch nie geschmeckt hat, macht mir der hohe Zuckergehalt einer Tasse Kaffe, der etwa dem Salzgehalt des toten Meeres entpricht, ueberhaupt nichts aus und so pfeife ich jeden morgen auf alles was mit Testosteron zusammenhaengt durch den Genuss einer Tasse brasilianischen Kaffes. Und wer kennt uebrigens meine heimliche Liebe zu Marmelade schon? Niemand? Die ist so heimlich die kenne noch nicht mal ich!
Danach gehts dann zur Reunião (Besprechung) in der die Weichen fuer den Tag gestellt werden. Ihr denkt richtig, wenn ihr denkt, dass ich da wenig bewirke, weil ich so gut wie nichts verstehe aber trotz allem sind wir jeden morgen dabei und hoeren uns 1 Stunde Portugiesisch an. Und auch wenn die beiden deutschen Freiwilligen auf dem Bild interresiert wirken: Glaubt mir sie sind es aus den selben Gruenden wie ich eher weniger. Die Zeit bis zum Mittagessen zeichnet sich wieder, wie erwartet durch beisende Langeweile aus, da Lernen angesagt ist. Deswegen schmeise ich auch nach der 4. Vokabelkarte das Handtuch um mich auf den Weg zu machen, den Internos ein wenig unter die Arme zu greifen. Und ja lerning by doing funktioniert bei mir bedeutend besser! Heute entscheide ich mich bei der Montage der neuen Schraenke mitzuhelfen. Ich setze die erste Schraube an und drehe sie so bombenfest, dass der Pressspan die weise Fahne schwenkt und nachgibt. Naja, dumm gelaufen, aber ein Loch im Schrank hat noch keinem geschadet. Ab jetzt halte ich die Platten, waehrend Daniel schraubt. Arbeitsklima nach wie vor TOP!
Gerade, als wir den ersten Schrank beenden klingelt schon die Essensglocke zum Mittagsessen! Wie immer gibt es Reis, Bohnen und noch ein bischen Fleisch. "Repetitiae non placent" kennt der Brasilianer nicht und er hat gegenueber den alten Lateinern sogar recht! Bohnen und Reis schmecken einfach gut und tun auch nach 5 Wochen noch ihren Dienst. Nach dem Essen wird erst mal Fiesta gehalten und ich nehme mir 15 Minuten um mir ganz gemuetlich eine Stange Humus aus dem Kreuz zu pressen. Spass hats gemacht und mit diesem Gedanken falle ich erst einmal in einen Powernap von 80 Minuten um wieder puenktlich zum Arbeitsbeginn aufzuwachen. Kuz vorher begebe ich mich nochmal in die Kueche um mich ein wenig nuetzlich zu machen. Rahul wischt den Boden, Newton bemueht sich um ein sauberes Geschirr und ich feature alles mit dummen Spruechen um die Arbeitsmoral aufrecht zu erhalten. Danach bastell ich mit Julian weiter an den Schraenken rum. Spass machts alle mal und um 5 Uhr sind sogar die Tueren drin! Das warten bis aufs Essen um 7 Uhr vertreibt man sich hier meistens durch Zusammensitzen, Tischfussbal spielen (ich geh in letzter Zeir uebrigens uebel ab) oder andere Spaesse. Manche Deutsche versuchen sich sogar am hausinternen Fitnessstudio, fuer das ich mich natuerlich nicht begeistern kann und deswegen entscheide ich mich wie fast jeden Abend fuer Chillen. Diese Zeit ist wohl auch der Grund, warum wir Deutschen ueberhaupt hier sind. Denn naemlich genau in dieser Chilloutzeit werden die meisten Fragen zu unserem Dienst und vor allem auch zu unserem Glauben gestellt. Und da es mit der Sprache schon langsam bergauf geht koennen wir uns gut in die Gespraeche einklinken und unsere Nachricht unters Volk mischen. Nach dem Essen gibt es an manchen Tagen dann noch einen Film aber heute ist ziemlich tote Hose. Die Internos haben dann um 8 Uhr immer einen Programmteil, an dem wir Deutschen nicht teilnehmen und je nach Lust und Laune wird dann der Abend gestaltet, bis dann jeder in sein wohlverdientes Bettchen geht und wieder irgendwas schraeges traeumt.
Boa noite persoas!














Das war mal ein Einblick in meinen Lieblingstag: Alltag. Einige Leute wollten mehr von meinem "normalen" Leben erfahren, deshalb dieser Post. Die Folge davon ist, dass ich nun den Entschluss gefasst habe mich zu rasieren. Die Bilder sind ja mal echt hardcore o.O

bis denne dann mal

*Cheers*


p.s. Die kleine Tochter eines Besuchers hier fand ich so cool, dass ich ihr den ersten Schritt zu Ruhm, Ehre und Ansehen abnehmen wollte :)

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dein Bericht ist in drei Worten einfach nur: geil! ;)

J00lz hat gesagt…

jau da schließ ich mich an :)
benis spruch ist auch unglaublich geil!

Anonym hat gesagt…

man.... du kannst schocken: 180° 8er! Ich hab gedacht zu ziehst jetzt aufeinmal alle ab hier in KA wo du in Brasilien bist. Dann machs mal gut und hau rein. Toller Bericht!