Zu Deutsch: Freier Tag. Den hab ich nämlich heute, da ich am Wochenende Bereitschaftsdienst hatte und rund um die Uhr mit den Internos rumgehangen bin. Und heute dann 100% Nichtstun. Wie fett! Gerade aufgestanden, Mails gecheckt, gemerkt, dass ein Haufen Leute auf dem Abend meiner Mutter waren (Danke für die Grüße), geduscht und die Krönung der Schöpfung: Kalte Pizza vom Vorabend, in der Gewissheit meinen Zivikollegen nun endlich Skat beigebracht zu haben. Dazu kommt auch noch das absolut perfekte Wetter, Shortwetter, wie ich zu sagen pflege und der Tag verspricht absolut perfekt zu werden. Einfach richtig gut, verdient :) Wenn sich jemand nicht vorstellen kann, wie sowas aussieht, hier der bebilderte Versuch (wie bei allen Fotos, klicken zum Vergrößern):

Nun ja, meine Mutter hat mir jetzt auch nochmal auf die Füße getreten, endlich doch mal wieder ein Lebenszeichen von mir zu geben. Es gibt ja auch nichts chilligers, als seinen freien Tag in Shorts vor dem PC zu verbringen und einfach zu tippen. Hier also die Zusammenfassung der Highlights der etwa letzten 2 Monate:
Fest der Nationen (22.8.-24.8.):Da in Brasilien nun Wahlen sind (in 2 Wochen) strengen sich die Politiker natürlich besonders an, in den Köpfen der Bevölkerung als "Der Mann fürs Leben" zu erscheinen und so folgt, dass Straßen erneue

rt, Skateparks genehmigt, Bäume gepflanzt und Babys geküsst werden. In Lapa äußert sich dieser Stimmenkampf in einem sogenannten 1. "Fest der Nationen". Es geht darum, eine Art Volksfest aufzuziehen, in dem verschiedenen Nationen ihre Köstlichkeiten und Festtänze aufführen. Cerené hat wider erwarten Deutschland repräsentiert, mit mir wohl als weit und breit einzigem Ausländer. Mit am Start war Holland von einer mennonitischen Kommune, Italien von irgend einem Frauenverein, Russland von einer Lapabekannten Bauernfamilie, Brasilien von einer anderen Drogenklinik und noch ein Land, das ich nicht kannte. Unsere Spzialität: Spätzle und Apfelstrudel. 60 Strudel wurden vernichtet und etwa 25 Kilo Mehl in Spätzle umgewandelt, natürlich immer mit Bekräftigung darauf, dass wir

der einzige Stand waren, der seine Spezialitäten wirklich durch kundige (meine) Hände fabriziert hatte.
Der Tanz wurde dann von meiner Seite aus her abgeblasen, da ich nicht Schuhplattlern kann und Wiener Walzer allem Anschein nach nicht aus Deutschland kommt. Schade auch, deswegen musste 20 blonde Mädels alleine Proben und ich durfte nur zukucken :( Trotz allem ein echt chilliges Wochenende, ich kann nur Spätzle einfach nicht mehr sehn!
New tight Zivi (1.9.):Wir haben Verstärkung bekommen! Samuel heisst der Neue, zweimal so groß wie ich, seines Zeichens P

farrerssohn und schwer in Ordnung. Endlich hab ich einen Mitzivi, der Bock hätte auf den Güterwagon aufzuspringen, der immer hier an Cerené vorbeidonnert und einfach mal zu kucken, wo der denn hingeht. Wenn man den örtlichen Fachleuten trauen darf, soll der sogar irgendwo ans Meer fahren! Wir haben das mal in 1 Monat festgemacht, dass (falls ich ihn verliere) er sich wieder alleine Nach Hause durchschlagen kann. 4 Tage später gab es dann zur Feier der Ereignisse einen Willkommensspaziergang in den 20km entfernten Park(?). Oder jedenfalls das, was sich ein Brasilianer unter Park vorstellt. Wurde gegrillt, Volleyball gezockt und Samuel hat sich null verständigen können. Mich hat das gefreut, meinen eigenen Anfang nochmal aus der 3. Perspektive wiederzuerleben. Er wird auf jeden Fall eine Bereicherung im Ziviteam darstellen, dessen bin ich mir sicher. Außerdem bin ich nun ein Jahr in Brasilien!
Auszug aus der Küche (5.9.):Wahrscheinlich wusste es eh niemand, aber ich war eine Zeitlang wieder in der Küche. Ich mag die Küche ja

nicht, weil hier unglaublich übertriebenen Wert auf Sauberkeit gelegt wird. Und selbst diejenigen, die mich in diesem Feld kennen gelernt haben, würden mir zustimmen, dass das komplette Fluten der Küche (kein Witz), dazu eine halbe Packung Waschpulver und ca. 200ml Chlor, etwas übertrieben sind um eine Küche von 20m² zu säubern. Trotz allem ist die Küche sonst eine echt nette Angelegenheit, da die Internos meistens nicht die Schlimmsten sind und man sich einfach richtig gut unterhalten kann. Zum Abschied haben wir dann nochmal einen Interno geopfert, um unseren aus den Ferien zurückkehrenden Chefkoch milde zu stimmen.
In touch with culture (13.9.):Bahnbrechendes Wochenende: Zum ersten Mal wirklich gescheiten Kontakt mit dem brasilianischen Volk gehabt. Bzw. der weiblichen Hälfte. Es ist nunmal leider so, dass hier in Cerené sich selten eine Frau blicken lässt. Meistens sind das die Mütter,

Ehefrauen oder Töchter, aber man kann sich ja vorstellen, wie die Familienverhältnisse hier gestrickt sind. Fakt ist, dass ich im Grunde seit 1 Jahr keinen Kontakt mit angenehmen Mädchen hatte. Umso erfreuter war ich deshalb, dass Samuel und Ich dieses Wochenende auf der Straße angequatscht wurden, ob wir denn Deutsche wären. Daraus hat sich dann ein unglaublich enstpannter Nachmittag ergeben und am nächsten Tag waren wir auch noch in einer Kunstausstellung. Es tat einfach mal wieder richtig gut sich mit ein paar entspannt tickenden Mädchen zu unterhalten, auch wenn ich gestehen muss, dass mir da nun wieder einiges an Übung fehlt. Egal, heiraten werde ich keine davon, chillig wars in jedem Fall.
Auf dem OP-tisch (16.9.):Meine Op stand an. Nun werden sich wohl einige Fragen: "Op? Wozu?" Es trug sich folgendermaßen zu: Vor etwa 1 Monat hab ich Holz gehackt. Aber natürlich nicht das Otto-Normalverbraucher-Einschlag-down-Holz, sondern harte, mit Öl durchtränkte, 800 Jahre alte Bahnlinienbalken. Also der harte Shit eben. Das macht man natürlich mit Keilen und schlägt dann mit Eisen auf Eisen. Irgendwann hat sich dann jedenfalls ein winziger Metallspliter gelöst und ist mir direkt in den Arm und hatte dort anscheinend einen Nerv durchgeschnitten. Seit dem Moment habe ich auch nichts mehr in meiner linken Oberhand gespührt, was alles in allem extrem widerlich war. Der erste A

rzt meinte nach seiner rumdrückmethode erkannt zu haben, der Fremdkörper hätte sich schon wieder gelöst. 2 Wochen später meinte ein anderer Arzt, diesmal mit Röntgenbild (!!!!), dieser weiße Punkt sein nur ein etwas unförmiger Schraubenkopf und ich solle mir keine Sorgen machen. Für die, die es nicht wissen, ich habe eine Platine im Unterarm. Der 3. Arzt, ein Spezialist, meinte nach dem ersten Blick, dass wir vor etwa 3 Wochen hätten operieren müssen und deswegen lag ich dann nun in der Präsidentensuite und kurz danach auf dem Op-tisch. 7500 Reais hat der Spass gekostet (3000€) um mir einen Splitter von der Größe eines Reiskorns aus dem Arm zu pulen. Das Gefühl soll übrigens wiederkommen, der Nerv wurde wieder zusammengeklebt. Auch egal, Versicherung zahlt ja und was macht man nicht alles dafür, eineinhalb Stunden völlig stoned im OP-Saal seine Herzfrequenz zu beobachten. Wusstet ihr, dass Schwestern ziemlich schnell die Nerven verlieren, wenn man den Atem anhält und seine Herzfrequenz auf einmal unerklärlich nach oben geht? xD Es war geil!
What a special day (20.9.):Zum ersten Mal in 4 Versuchen hab ich es endlich geschafft mich daran zu erinnern: Kathis Geburtstag! Hat zwar nicht hundert prozent geklappt, da der Brief 2 Tage zu spät ankam, aber das war ja nicht meine Schuld und ich bin Stolz darauf es dieses mal selbst ohne Erinnerung gebacken bekommen zu haben =) Deswegen hier der Bescheid an alle, dass es geklappt hat und nochmal alles Gute Kathi!
Das wars dann an beeindruckenden Ereignissen in letzter Zeit, ich hoffe es wurde nicht allzulang, wenn nicht lest es in Etappen. Wobei es logisch betrachtet überhaupt keinen Sinn macht, diesen Tipp am Ende des Berichts zu geben...
Achja und Skat is the Shiat!

Wir sehn uns in 5 Monaten!
Bis dann
Euer Simon