Freitag, 14. März 2008

Jarhead

Dieses Gerücht, dass die Brasilianer sehr oberflächlich sind und ein sehr ausgeprägtes Schubladendenken pflegen hört man ja öfter. Jedenfalls von Leuten, die einen Zivi dort machen oder irgendwie ihre Stammbuchwurzeln dort haben. Gestern morgen wurde dieses "Vorurteil" wieder einmal bestätigt und sprengte in der Ausführung alle meine bisherigen Erfahrungen und meine noch gebliebenen Erwartungen. Der Deutsch-zivi-trend geht diesen Sommer ja stark in Richtung Rockmantik/Crunch, was sich am ergiebigsten in der Haarpracht äußert. Ich will gar nicht wissen wie, oder aus welchen noch so unsinnigen Quellen denn dieses Vorurteil kommt, aber auf jeden Fall gilt man durch diese jene Auslebung seines Weltgefühls als nichts anderes, als ein tierischer Assi. Mtv mit seiner Reizüberflutung von Floskeln wie "Yeah, bro" oder "Wazzup, Niggah?" steuert das angesprochene Publikum, also damit ganz Brasilien, selbstverständlich in eine ausgeprägt heterophobe Richtung, vor allem gegen Nicht-NYC-Gangster-Rap-Hörer und Intelligente. Es wurde uns von unserem Chef dieses Anliegen sachlich korrekt und diskret vorgetragen, durch representative Umfragen an Tankstelle und Kiosk untermalt und erwähnt, dass es eventuell an der Zeit wäre seinem wuchernden Schädel Einhalt zu gebieten. Sachlich ebenso korrekt, schlechtes Licht auf Cerene werfend vermeidend zu versuchend und im Prinzip mehr aus Spass an der gesamten Situation, packte ich mir den Dackeltrimmer unseres Psychologen und fetzte mit einem 5mm Aufsatz über mein Haupt. Krass war das Gefühl, als ich mir meine Haare aus der Stirn streichen wollte, oder versuchte irgendetwas auf meinem Kopf zu finden, das sich lohnen würde auf irgendeine Art und Weiße so lang zu ziehen, dass es bis in den Mund reicht. Mir war auch nicht mehr bewusst, dass diese Frisur nur etwa 3 Minuten zum Trocknen braucht, oder dass ich auf einmal bitterlich frieren würde. Deshalb war es an der Zeit sich einige Gedanken zu machen, auf was ich mich denn da eingelassen hatte und was für Folgen es hatte bzw. welche Maßnahmen ich zu treffen hatte. Im Prinzip lässt mir mein jetziger Haarschnitt nur 2 Stilrichtungen zur Auswahl: Hardcore-Death-Punk-Rechts-Rock oder deutscher Style-Retro-Hip-Hop. Ich entschied mich kurz angebunden für die zweite Variante, die wenigstens Raum auf meiner Haut lässt, die nicht mit Tatoos zugeballert werden muss. Also Fanta-4, Creme de la Creme und Fettes Brot auf den trendig schneeweißen I-Pod geladen, ab damit in die Ohren und los zum Dealer deiner Wahl, sich über die Vorteile von Inside-Out gerollten Tüten aufklären zu lassen. Über sowas quatscht man nämlich heutzutage in Szenen wie diesen. Außerdem muss ich mir nun einen bedeutend grimmmigeren Blick angewöhnen, weil jeder der jetzt neben mir in der Bahn sitzen will, wissen sollte, mit was für einem Typen er sich da einlässt. Nämlich einer, der weiss wie man eine Knarre in 2 Sekunden zusammenbaut, lädt und in der Zeit noch 16 Guerillakämpfer im Camoflagewahn, mit 15 Kugeln und einem "Deine Mutter"-Spruch zu Boden schickt. Mit dem zusätzlichen Handicap von nur noch dem Zeigefinger an der rechten und dem kleinen Finger an der linken Hand. Real Jarhead eben! Erste Versuche auf diesem langen Weg der Purifizierung seht ihr unten neben meinem Rückrufbild mit Wurst.


Erste Reaktionen im brasilianischen Volk blieben nicht aus und grob zusammengefassst könnte man alles als "muito bom" bezeichnen. Also sehr gut. Viel gespannter bin ich allerdings auf die Reaktionen, die aus Deutschland kommen. Ob Neid, Wut, Angst, Liebesbekundungen oder Konkurrenzverhalten, alles ist herzlich Willkommen im Postfach meines stilechten I-Macs. Ebenso Schneeweiß, wie meine Sneaker mit Goldrändern und Diamantfassung.










Wie auch immer, sonst geht es mir gut und Cheers an alle Leser :)